Die „Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig hat mich damals, wie viele Millionen Leser:innen weltweit, sehr bewegt. Ein wirklich herausragendes Werk, das ihr wirklich lesen solltet.
Ein bisschen skeptisch war ich daher, als jetzt ein Buch herauskam, das ganz offensichtlich schon im Titel daran anknüpft: Die Mitternachtsreise. Mit Fortsetzungen ist es ja manchmal so eine Sache.
Aber die Mitternachtsreise ist alles andere als das. Eher führt es die Idee aus der Mitternachtsbibliothek nochmal weiter, auf eine andere Ebene. Sie ist gewissermaßen eine „Neuerfindung“ des Gedankens, dass man am Ende des Lebens nochmal an einen besonderen Ort kommt.
Genau das geschieht mit Wilbur, einem äußerst erfolgreichen Geschäftsmann, der sich aus ärmsten Verhältnissen hochgearbeitet hatte. Auf der Schwelle zum Tod, zwei Minuten nach Mitternacht, erscheint auf einmal die schon lange verstorbene frühere Besitzerin der kleinen Buchhandlung, in die er sich als Junge oft flüchtete, obwohl er kein Geld für Bücher hatte. Sie lädt ihn ein, in einen Zug zu steigen, der einem Spielzeug aus seinen Kindertagen ähnelt. Gemeinsam fahren sie in der Zeit zurück und sehen tatsächlich, wie es immer heißt, sein Leben noch einmal an ihm vorbeiziehen. Die von Verlusten und Armut geprägte Kindheit. Die Enttäuschungen. Die erste Begegnung mit seiner späteren Frau und großen Liebe Maggie.
Warum eigentlich war diese große Liebe irgendwann in seinem Leben zerbrochen? Immer deutlich wird Wilbur, was in seinem Leben falsch gelaufen ist. Dass Erfolg eben nicht alles ist. Dass er viel zu oft die falschen Prioritäten gesetzt hat. Ob er dem Leben des Wilbur, dessen Leben er begleitet, noch einmal eine neue Wendung geben kann?
Wieder, wie bei der Mitternachtsbibliothek, geht es um existentielle Fragen: Was ist wichtig im Leben? Welche Ziele verfolge ich? Was fange ich mit meiner geschenkten Zeit an? Wofür lohnt es sich zu leben? Warum entfernen wir uns manchmal so weit von dem, was wir eigentlich sein sollten?
Das ähnelt sich, was mir am Anfang des Buches ein kleines Störgefühl gegeben hat, aber dennoch ist dieses Buch ein ganz eigenes. Eine ganz andere, berührende und nachdenklich machende Geschichte. Und wieder absolut lesenswert. Gerne gebe ich dafür fünf Punkte und kann das Buch nur empfehlen.
Matt Haig (Autor), Sabine Hübner (Übersetzer): Die Mitternachtsreise. Droemer Knaur, 336 Seiten, ISBN 978-3-426-56249-9
Originaltitel: The Midnight Train
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